Männerbild und Frauenbild

zitiert aus: Leitbild der Gewaltberatung

Gewalttätige Jungen und Männer orientieren sich , wie wir bereits gesehen haben, in der Interpretation ihres Erlebens und ihren daraus motivierten Handlungen oft an einem tradierten unerreichbaren Idealbild von Männlichkeit ( Männer lösen alle Probleme alleine, Männer empfinden keine „schwachen Gefühle” wie Angst, Hilflosigkeit, Einsamkeit, Ohnmacht usw.…)

Jeder Versuch, dieses abstrakte Idealbild zu erfüllen, stellt per se eine Überforderung dar, und ist somit zum Scheitern verurteilt.
Tagtäglich setzten sich Jungen und heranwachsende Männer damit auseinander, ob sie ein „richtiger Junge“ sind, der zu einem „richtigen Mann“ wird.

Die Angst vor der (vorbewußt) wahrgenommenen Unfähigkeit, die Ansprüche ihrer Geschlechtsidentität erfüllen zu können, ist etwa so weit verbreitet wie der Bartwuchs.
So fühlenMänner und Jungen sich in Folge häufig isoliert, hilflos und ohnmächtig.

Das wiederum kann sich der Einzelne nicht eingestehen, da er sonst Gefahr läuft, in der eigenen Interpretation seiner Geschlechtsidentität völlig versagt zu haben.

Frauenbild und weibliche Gewalttäterinnen

Werden Mädchen oder Frauen gewalttätig, so wird dies gesellschaftlich als atypisch zum geschlechts-rollenkonformen Verhalten betrachtet.

Dieser Zusammenhang hat vielerlei mögliche Auswirkungen:

* weibliche Gewalt wird häufiger „übersehen“ als männliche Gewalt,
* weibliche Gewalt wird eher als „Notwehr“ umgedeutet, da es sich unter dieser Bedingung um rollenkonformes Verhalten handeln würde,
* weibliche Gewalt appelliert eher an das „Mitleid-Empfinden“ als männliche Gewalt, die in jedem Fall als offensive Gewalt gedeutet wird.
* Täterinnen können so m.E. damit rechnen, als „ eigentliches Opfer“ der Situation gesehen zu werden,
* dadurch sind Bagatellisierungen der Tat (en) sowohl auf Täterinnen-Seite als auch auf Seiten des Hilfesystems bzw. der Strafverfolgung wenn nicht vorprogrammiert, so doch wahrscheinlich.

Insofern ändern sich natürlich auch die Gewaltdynamik und der Gewaltkreislauf der Täterinnen im Vergleich zu den männlichen Tätern.

Gewaltberatung und Gewaltpädagogik mit Täterinnen bedarf daher einer genauen Kenntnis der geschlechtstypischen Hintergründe, vor denen die Taten passieren und wahrgenommen werden.

Gewalt als Versuch einer Krisenbewältigung

Das Ausüben von Gewalt wählt jeder Täter/jede Täterin als einen möglichen, zuerst entlastenden, aber auf Dauer erfolglosen Versuch der Krisenbewältigung.

Durch Gewalthandlungen vermeiden die Gewalttätigen innere und äußere Konflikte, anstatt diese lösungsorientiert anzugehen.

Gewalttätige verhalten sich im Alltag überwiegend sozial angepaßt bzw. überangepaßt.

Konfliktvermeidungen sind an der Tagesordnung; die eigenen Grenzen sind häufig unklar, und daher ist die Person kaum in der Lage, sich wenn nötig abzugrenzen.

Hier spielt Aggression eine Rolle, denn die Fähigkeit zur Aggression ist wichtig, um Grenzen ziehen zu können.

Kompensation von Gefühlen

Gewalt ist somit nie ein Zeichen von Stärke, sondern dient der Kompensation von Emotionen, die mit der Konnotation von Schwäche assoziiert werden. Durch das Ausüben von Gewalthandlungen kompensieren Gewalttätige ihre Gefühle wie beispielsweise :

Einsamkeit,
sich “unterlegen” fühlen,
Hilflosigkeit,
Ohnmacht oder
Verzweiflung.

Die Gewalttaten dienen dazu, das Erleben dieser Emotionen abzuwehren.
Wer schlägt oder anderweitig gewalttätig ist, “kann” sicher nicht hilflos sein.
Er oder sie ist ja aktiv, handelt und ist wieder “autonom”. Die eigentlich “hilflosen”
Emotionen treten vor und während der Tat in den Hintergrund und werden nicht wahrgenommen.

Insofern geht Gewalt stets einher mit einer Gefühlsabwehr, und ist somit keinesfalls “ein Streben nach Macht oder Überlegenheit”, wie es häufig angenommen wird.
Derartige Annahmen entstehen, wenn man Gewalt aus der Opferperspektive heraus betrachtet.
Opfer sind hilflos, also wird vermutet, dass Täter/innen die gegenteiligen Emotionen hätten.
Betrachtet man Gewalt jedoch aus der Täter(innen)-Perspektive, so lässt sich genau die Abwehrdynamik erkennen, die jeder Gewalttat zugrunde liegt. Der Täterin, dem Täter geht es nach der Gewalttat “besser als vorher”. Keineswegs fühlen sie oder er sich jedoch “mächtig”.

Gewaltkreislauf (nach Lempert)

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Gewalttätige handeln in der Regel nicht impulsiv und planlos. Sie befinden sich jedoch in einem unbewußten und damit unreflektiertem Gewaltkreislauf.

Immer wieder werden sie im Alltag mit ungeliebten Gefühlen konfrontiert, die sie durch ihr Gewalthandeln abwehren.

Ihr Krisenabwehrverhalten funktioniert jedoch immer nur kurzfristig. Wieder und wieder rechtfertigen sie daher vor sich oder vor anderen ihre eigenen Gewalttaten.

Doch durch eine Rechtfertigung entsteht weder wirkliche innere Klärung, noch wirkliche Entlastung: Die „Ursachensuche“ für ihr eigenes Gewalthandeln außerhalb von sich selbst beginnt.

TäterInnen entlasten sich so von Schuld- und Schamgefühlen, und geben die Verantwortung für ihr Verhalten nach außen ab.
Die ungelösten Konflikte treten früher oder später in ihrem Leben erneut auf und der Gewaltkreislauf beginnt von vorne.